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Die Zeit vor der RAF
Das große Thema war Damals Vietnam,und es gab eine Außerparlamentarische Opposition die APO die APO wurde im wesentlichen getragen von der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund).Auch gab es zu dieser Zeit ein großes Engagement gegen das Schah-Regime in Persien.Am 2.Juni.1976 wurde bei einer Demonstration gegen den Persischen Herrscher der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Kurras erschossen.Der ja ,wie ich hörte auch Verbindungen zur Stasi hatte.Vietnam wurde ab 1965 das beherrschende Thema unter den Deutschen Linksradikalen.Es wurden auch Vietnam Kongresse gehalten.1966 in Frankfurt und 1968 in West -Berlin.Beides hatte die SDS Organisiert.Man sieht die USA war damals schon unbeliebt in Deutschland.Deshalb wurden sie auch zum Ziel der RAF.Nichts gegen einzelne Personen.Aber ich mag die Amys auch nicht.Von Irmgard Möller wurde nach ihrer Entlassung mehr oder weniger im Hinblick auf das interview mit Oliver Tolmein ein gewisses Schuld Einverständnis erwartet.Das aber nicht kam :).Ich hätte diese Frau gerne mal am Telefon kennen gelernt,was leider bis heute nicht möglich war.Wie gesagt ich greife in dem Artikel auf drei Bücher zurück.Die ersten Zitate kommen aus dem Buch von Oliver Tolmein >>RAF-Das war für uns Befreiung<< 4.Auflage 2005 Copyright 2002 Konkret Literatur Verlag,Hamburg. ISBN 3-89458-217-0
Ich gehe jetzt nicht konkkret auf die Person Irmgard Möller ein,wenn ihr Infos braucht klickt hier
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"Oliver Tolmein: Wann hast du dich entschlossen, die Verhältnisse in der Bundesrepublik militant zu verändern?
Irmgard Möller: Die Große Koalition, die sich 1966 formiert hat, hat eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Da kam erstmals die Ahnung auf, daß Opposition hier fundamental sein muß. Von militanter Politik war ich damals zwar noch weit entfernt, aber das war eine entscheidende Erkenntnis, die alles, was danach gekommen ist, bestimmt hat.
T: Wie hast du 1966 gelebt?
M: Ich war Studentin an der Universität in Freiburg und habe Althochdeutsch und Altfranzösisch gelernt, und ich war ansonsten ziemlich traurig, weil ich mit den Leuten dort nichts anfangen konnte und alleine war. Die Studenten sind Wein trinken gegangen und haben gelernt - das war's. Öde einfach. Deswegen bin ich im Sommer 1967 nach München gegangen
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T: Althochdeutsch und Altfranzösisch - das klingt, als ob du Lehrerin werden wolltest?
M: Überhaupt nicht. Ich wollte raus aus Deutschland und nach Frankreich. Aber weil wir damals erst mit einundzwanzig Jahren volljährig wurden, ging das nur übers Studium. Und um in Frankreich problemlos studieren zu können, brauchte ich ein paar Scheine von einer deutschen Universität."
Wie man sieht war die Irmi eine ganz normale Junge Frau,und dazu noch gescheit.Was aus ihr geworden ist,hat Deutschland selbst zu Verantworten.Manchmal wünschte ich mir ich hätte auch zu dieser Zeit gelebt.Da konnte man noch was tun.Aber weiter im Text,Irmgard ging 1976 nach München zurück.
"T: Wie lief es, als du dann 1967 nach München gekommen bist?
M: Mit Freiburg war das nicht zu vergleichen. Dort war schon etwas in Bewegung gekommen. Es gab zum Beispiel die Anfänge des Trikont Verlages, ein paar Leute sind öfter nach Ostberlin zur chinesischen Botschaft gefahren, um dort Broschüren und Zeitungen zu holen; wir hatten überhaupt eine Vielzahl internationaler Kontakte und damit ganz andere Informationsmöglichkeiten. Die ersten Texte aus der Chinesischen Kulturrevolution trafen umfassend unsere Lebenssituation: »Rebellion ist berechtigt«. Es war eine Aufbruchsstimmung, alle waren mobilisiert. Das Besondere an der Situation in China war für uns, daß sich dort der Sozialismus, der bereits gesiegt hatte, noch einmal grundlegend revolutionierte. Erstarrung sollte es nicht geben. Deswegen hat uns auch Kuba so angezogen. Castro und Che Guevara waren Revolutionäre und keine sozialistischen Staatspolitiker; sie haben im Gegensatz zu Breschnew oder Ulbricht verkörpert, daß die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse umgewälzt werden müssen.
Es gab damals eine Reihe von Teachins, um Brigaden für die Zuckerrohrernte in Kuba zusammenzustellen. Ich selbst war in der Zeit an kleineren Widerstandsaktionen beteiligt. Wir haben zum Beispiel in der Wandelhalle der Uni gegen die scheinheiligen Feiern, zum Hinrichtungstag der Geschwister Scholl protestiert. Und wir haben Flugblattraketen in US-Kasernen geschickt, um die Soldaten dort zur Desertion aufzufordern, sie sollten nicht in Vietnam kämpfen. 1967, im Sommer, bin ich dann, wie in den Jahren vorher, in die Türkei und in den Libanon getrampt. Dort habe ich noch die Barrikaden und Sandsäcke am Flughafen gesehen, mit denen sich die Libanesen gegen die israelischen Luftangriffe im Sechs-Tage-Krieg verteidigt hatten. Das waren für mich vielschichtige und wichtige Erfahrungen damals, und ich war noch nicht entschlossen, ob ich hier bleiben oder lieber weiter durch die Welt trampen sollte."
Irmgard Möller ist dann erstmal nach München zurück gekommen.Und hat dort Studiert.Irmgard war damals mit Fritz Teufel zusammen,der aber wegen einer Aktion in Berlin mit Haftbefehl gesucht wurde,und somit erst mal in den Untergrund ging.Seine Freunde und Bekannten mussten dann natürlich vorsichtig sein.Es war damals die Zeit der Notstandsgesetze,und Irmgard musste das erste mal eine Nacht im Polizeipräsidium verbringen.
"T: Die Notstandsgesetze waren vor allem 1967/68 eines der zentralen Themen für die außerparlamentarische Opposition - was für eine Bedeutung hatte der Kampf dagegen für dich?
M: Das war ein durchaus zwiespältiges Engagement. Einerseits wurden in dieser Auseinandersetzung viele Kräfte gebündelt: Studnten, Professoren, Intellektuelle und Gewerkschafter kämpften gemeinsam gegen die Pläne der Großen Koalition. Andererseits war der Protest in seinem Kern absolut staatstragend, es ging darum, eine Fiktion von »parlamentarischer Demokratie« zu verteidigen, während wir die parlamentarische Demokratie als solche angreifen wollten. Es fand also eine Verschiebung der politischen Akzente statt, die wir kritisierten. Außerdem bewirkte die Konzentration aller Kräfte auf den Kampf gegen die Notstandsgesetzgebung, daß andere Aktivitäten, vor allem das internationalistische Engagement in den Hintergrund traten. In gewisser Weise war die Auseinandersetzung um die Notstandsgesetze also ein Wendepunkt für die außerparlamentarische Opposition. Ich selbst pendelte in der heißen Phase des Protestes, in der Zeit zwischen Frühjahr und Sommer 1968 zwischen München und Paris, wo es damals die großen Straßenschlachten gab, an denen ich auch teilgenommen habe. Ich war auch oft an der Sorbonne und mußte, weil ich eine der wenigen Deutschen war, dort erzählen, was hier los ist. Vor allem das Attentat auf Rudi Dutschke Ostern 1968 und die Anti-Springer-Kampagne in Deutschland haben die französischen Studenten sehr beschäftigt."
Die Studenten waren Damals sehr aktiv,fast jeder hatte ein Verfahren am Hals.Rolf Pohle hat die Leute beraten wie sie den Prozess führen können.Die Studenten wollten Damals offensiv auftreten,und sich nicht im herkömmlichen Sinn verteidigen.So zu sagen !Ich war es gar nicht"Aus dieser Arbeit hat sich dann schließlich auch die Idee für das Knastcamp in Ebrach entwickelt.
T:Was war die Intention dieses Knastcamps?
M:Es gab damals den ersten Studenten,der verurteilt wurde und der seine Strafe auch antreten mußte.Reinhard Wetter.Wetter kam nach Ebrach in den Knast und wir wollten zeigen:Das nehmen wir nicht hin.Es ging nicht darum ihn zu befreien,er hatte ja nur ein paar Monate bekommen. Aber wir wollten zeigen: Das nehmen wir nicht hin. Außerdem wollten wir diskutieren, wie es weitergehen kann. Aus dem gesamten Bundesgebiet und aus Westberlin kamen deswegen fast alle, die militante Politik weiterentwickeln wollten, in dieses fränkische Provinznest Ebrach.Unser Thema war Knast, die Gewalt des Staates und wie du dagegen kämpfen kannst. Außer uns waren dort auch Jugendliche, die aus Fürsorgeheimen und Erziehungsanstalten abgehauen waren, manche dreizehn, vierzehn Jahre alt. Gudrun Ensslin und Andreas Baader waren damals die einzigen, die mit diesen Jugendlichen schon gearbeitet hatten, nachdem ihr Verfahren wegenen der Kaufhausbrandstiftung* beendet war. Die CSU unter Franz Josef Strauß hatte mächtig gegen uns mobilisiert. Wir traffen überall auf eine feindselige Stimmung und mußten uns mit bürgerwehrähnlichen Gruppen auseinandersetzen, was die Organisation des Camps nicht gerade vereinfacht hat. Schließlich mußten wir sogar das Landratsamt stürmen, weil sie uns keine Wiese überlassen wollten. Für vierundzwanzig Stunden landeten •wir deswegen erst mal selbst in Bamberg im Knast
T: Das Knastcamp war auch die letzte große gemeinsame Aktion der militanten Linken.
M: Ja. Ich bin danach mit etwa zwanzig Leuten zusammen mit»Ucellis«, das heißt »die Vögel«, die auch in Ebrach gewesen waren, nach Italien gefahren. Dort waren die Verhältnisse auf eine andere Weise zugespitzt als in der BRD. Es gab einerseits eine starke proletarische Linke, aber die Faschisten konnten eben auch offen auftreten. Einmal waren wir auf einem Teach-in in Rom, und plötzlich stürmte einer ans Mikrophon und rief: »Wir müssen sofort abhauen, die Faschisten kommen.« Und tatsächlich stürmte eine riesige, mit Knüppeln bewaffnete Horde an, um alles kurz und klein zu schlagen. In dieser Zeit fand auch der Anschlag auf die Landwirtschaftsbank in Mailand statt, ein staatlich inszeniertes Massaker, das der radikalen Linken angehängt wurde.*
Das war alles Teil einer »Strategie der Spannung«, die zum Ziel hatte, in der Bevölkerung die Akzeptanz für eine faschistische Machtübernahme zu erhöhen. Dagegen standen in der BRD, wo die SPD dabei war, sich auf die Regierungsübernahme vorzubereiten, die Zeichen auf Integration der oppositionellen Strömungen. Die Ucellis kamen aus der architekturkulturellen Scene und machten provokative Happenings und gut durchdachte symbolische Aktionen, um damit Unterstützung für die sizilianischen Erdbebenopfer von 1962/63 zu organisieren. Wegen der Staatskorruption hatten die Sizilianer die zugesagten Hilfsgelder nicht erhalten und hausten auch noch nach Jahren unter elendsten Bedingungen in Wellblechhütten. Mit den Ucellis haben wir viel über Ansatzpunkte für einen revolutionären Kampf diskutiert. Für sie war es naheliegend, in der BRD mit ausländischen Arbeitern zusammenzuarbeiten - es gab damals schon sehr viele Arbeitsmigranten aus Süditalien, die in der BRD in furchtbaren Verhältnissen leben mußten. Uns hat das aber nicht so überzeugt, denn anders als in Italien fanden in der Bundesrepublik keine Kämpfe in den Fabriken statt, an die man hätte anknüpfen können, und wir fanden es falsch zu versuchen, militante Auseinandersetzungen von außen dort hineinzutragen. Das kam uns aufgesetzt vor.
* Der Anschlag auf die Banca Della Agricoltura ereignete sich 1969 und forderte Dutzende Todesopfer. Der tatverdächtige Anarchist Pinelli »stürzte« beim Polizeiverhör gefesselt aus dem fünften Stock des Polizeipräsidiums. Später stellte sich heraus, daß die Neofaschistengruppe Nuove Ordine den Anschlag im Auftrag der Geheimloge P 2 begangen hatte. Dano Fo hat diese Ereignisse in seinem Theaterstück »Der zufällige Tod eines Anarchisten« verarbeitet
Auch Ulrike Meinhof war Damals schon unterwegs,mehr und die zeit wie sie Sie erlebt hat folgt.
Ulrike Meinhof
Ulrike Marie Meinhof wurde am 7.Oktober 1934 in Oldenburg geboren. Ihr Vater entstammte einer alten württembergischen Familie, geprägt von einer Generationsfolge evangelischer Theologen. Dr. Werner Meinhof wurde 1936 Direktor des Stadtmuseums in Jena. Ulrikes Mutter Ingeborg kam aus dem Hessischen. Deren Vater, Sohn eines Schuhmachers, wurde Lehrer und später Schulinspektor. Wegen seiner sozialistischen Ansichten erteilten ihm die Nazis 1933 Berufsverbot. Bis in den Krieg hinein schlug er sich als Handelsvertreter durch. Die Familie Meinhof, Ulrike hatte noch eine vier Jahre ältere Schwester, wohnte in einem efeubewachsenen Haus in einer bürgerlichen Wohngegend am Rande von Jena.
Als sich die evangelische Kirche von den Nazis weitgehend gleichschalten ließ, wurden die Meinhofs Mitglieder der kleinen Gemeinde der »Hessischen Renitenz«, die, unter Bismarck nach der Reichsgründung entstanden, sich jeder staatlichen Kontrolle kirchlicher Angelegenheiten widersetzt hatte. So wie die »Bekennende Kirche« war auch die »Renitenz-Kirche« ein Sammelbecken kirchlicher Opposition gegen das Naziregime. Als Ulrike sechs Jahre alt war, starb ihr Vater. Die Mutter erhielt keine staatliche Pension. Werner Meinhof war nicht Beamter, sondern nur Angestellter der Stadt gewesen, die jedoch der jungen Witwe anbot, ihr nach der Heirat abgebrochenes Studium weiterzu-finanzieren. Das städtische Stipendium war knapp, die Miete wurde zu teuer, die Studentin der Kunstgeschichte Ingeborg Meinhof suchte einen Untermieter.
An der Universität hatte sie eine junge Kommilitonin kennengelernt, eine gutaussehende, intelligente und energische Frau, die Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte studierte: Renate Riemeck. Als Ingeborgs Tochter Ulrike ihr eines Tages ein wissenschaftliches Buch brachte, sagte sie zu Renate Riemeck: »Mutter muß ein Zimmer vermieten. Zieh doch zu uns.«
Renate Riemeck verliebte sich in das fröhliche Kind ihrer Freundin und zog zu den Meinhofs. Ulrike und ihre Schwester hatten von nun an zwei Mütter.
Zu Beginn ihrer Freundschaft mit Renate hatte Ingeborg gefragt: »Glauben Sie, daß wir den Krieg gewinnen werden?« »Nein, ich glaube es nicht.« »Aber ich glaube es.«
Renate Riemeck schaltete im Radio die BBC-Nachrichten ein: »Ich glaube Ihnen nicht, wenn Sie sagen, Sie hoffen, Deutschland werde den Krieg gewinnen. Aber wenn Sie wollen, können Sie nun zur Gestapo gehen und denen sagen, ich hätte BBC-Nachrichten gehört.« Ingeborg Meinhof ging nicht zur Gestapo.
Ohne viele Worte zu machen, hatten sich die beiden Frauen gegen die Nazis verbündet. Sie hatten Kontakte zu einer Widerstandsgruppe der optischen Werke Zeiss/Jena; nicht so, daß es ihnen gefährlich werden konnte, aber die gemeinsame Ablehnung des Krieges und des Hitlerre-gimes festigte die Freundschaft. Beide Frauen promovierten und legten das Staatsexamen ab. Als der Krieg zu Ende war, wurde Jena zunächstvon den Amerikanern besetzt. Doch entsprechend dem Abkommen von Jalta zogen sich die Amerikaner zurück, und Jena lag nun in der sowjetischen Besatzungszone. Die beiden Frauen und die Kinder luden ein paar Habseligkeiten auf einen Lastwagen und fuhren in Richtung Westen, nach Oldenburg, wo Freunde und Bekannte lebten. In einem Haus mit verwildertem Garten fanden sie eine Wohnung. Die Stadt war voller Flüchtlinge aus dem Osten, die Schulen überfüllt. Für Ulrike fand sich nur noch ein Platz in der von katholischen Schwestern geführten Liebfrauenschule.
Renate Riemeck und Ingeborg Meinhof legten am neuen Wohnort ihr zweites1 Staatsexamen ab und wurden Lehrerinnen. Beide waren 1945 der SPD beigetreten.
Im März 1949 starb Ulrikes Mutter nach einer Krebsoperation an einer Infektion. Von nun an war Renate Riemeck die Mutter der beiden Töchter ihrer Freundin.
Renate Riemeck war eine erfolgreiche Pädagogin, die sich auch mit wissenschaftlichen Büchern einen Namen machte. 1951 wurde sie Dozentin an der Pädagogischen Hochschule in Oldenburg, im selben Jahr Professorin in Braunschweig, 1952 Professorin am Pädagogischen Institut in Weilburg. Ulrike zog mit ihr nach Weilburg und bewunderte ihre Pflegemutter so sehr, daß sie Renate zuweilen imitierte. Renate trug Hosen, Ulrike auch. Renate ließ sich die Haare kurz schneiden, Ulrike ebenfalls. Ulrike versuchte sogar, die Handschrift ihrer Pflegemutter nachzuahmen.
Sie lernte viel von der nur 14 Jahre älteren Professorin, die sie mit der Geschichte und Literatur des 19. Jahrhunderts bekannt machte. In der Schule, dem Philippinum in Weilburg, war Ulrike außerordentlich beliebt und galt als ein ungewöhnliches Mädchen, das durch Charme und Intelligenz beeindruckte. Sie las Klassiker und moderne Schriftsteller, legte ihr knappes Taschengeld in Büchern an und fühlte sich, nach den Jahren auf der Oldenburger Schwesternschule, zum Katholizismus hingezogen.
Doch das ernste Mädchen hatte auch Vorlieben, die damals recht ungewöhnlich waren. Sie rauchte Pfeife und selbstgedrehte Zigaretten, und manchmal tanzte sie bis zur Erschöpfung BoogierWoogie. Und sie widersprach in der Schule, wenn sie etwas als ungerecht empfand. Einem Lehrer, der Wissen und Autorität durch Brüllen ersetzte und sie einmal anschrie, antwortete sie: »Herr Studienrat, es ist nicht üblich, mit einer Schülerin der Oberstufe so laut zu sprechen!« Der Studienrat lief rot an und schrie weiter. Da packte sie ihre Sachen, stand auf, sagte »dann gehe ich jetzt« und verließ den Unterricht. Konferenzen wurden abgehalten. Ulrike sollte von der Schule fliegen. Renate Riemeck schaltete sich ein. Ulrike durfte bleiben.
Sie arbeitete in der Schülermitverwaltung, wurde Mitglied der Europabewegung, war Mitherausgeberin einer Schülerzeitung. Als engagierte junge Christin schrieb sie 1955 in ihrer Abitursarbeit: »Die Begegnung mit dem Katholizismus war eine große Bereicherung für mich. Wir evangelischen Schülerinnen stießen dort auf echte Toleranz in dem gemeinsamen Bewußtsein der eigentlichen Wahrheit des Christentums...« Während der ersten Semester ihres Studiums setzte sie sich in einer aus der evangelischen Jugendarbeit hervorgegangenen Erneuerungsbewegung für die Aufnahme katholischer Elemente in die protestantische Liturgie ein.
Unmittelbar nach dem Abitur verließ sie Weilburg und Renate Riemeck, bezog in Marburg ein winziges mörjiiertes Zimmer und begann das Studium der Pädagogik und Psychologie. Als Waise und Begabte erhielt sie ein Stipendium der »Studienstiftung fles deutschen Volkes«. In der Mensa der Universität betete sie vor dem Essen. Sie war 20 Jahre alt. In diesem Jahr 1955, als die SPD für die allgemeine Wehrpflicht stimmte und den jahrelangen Kampf gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik aufgab, verließ Renate Riemeck ihre Partei. Aufrüstung war für sie ein verhängnisvoller Schritt in der Eskalation des Kalten Krieges. Als Verfechterin einer Aussöhnung mit Polen durch die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie, als Gegnerin von Adenauers Plänen zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr wurde sie heftig befehdet - und bekannt. Ende der fünfziger Jahre geriet sie deswegen in Konflikt mit ihrem Arbeitgeber, dem Land Nordrhein-Westfalen. 1960, als sie in das Direktorium der DFÜ (Deutsche Friedensunion) gewählt wurde, gab Renate Riemeck ihre Professur auf.
Zum Wintersemester 1957 war Ulrike Meinhof von Marburg nach Münster gezogen. Wie in anderen Universitätsstädten hatte sich um den »Sozialistischen Deutschen Studentenbund« (SDS), der Studentenorganisation der SPD, ein »Anti-Atomtod-Ausschuß« gebildet. Ulrike Meinhof wurde zur Sprecherin gewählt.
Das Jahr 1957 war ein Jahr dramatischer politischer Entwicklung in der Bundesrepublik. Am 12. April wurde die »Göttinger Erklärung« veröffentlicht. 18 westdeutsche Atomwissenschaftler und Nobelpreisträger wandten sich gegen jede atomare Bewaffnung der Bundeswehr: »Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen verzichtet. Ebenfalls wäre keiner der Unterzeichner bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen ...«
Zu Ostern verlas Albert Schweitzer über Radio Oslo einen »Appell zur Einstellung der Kernwaffenversuche«.
Die Aufrufe fanden die Zustimmung zahlreicher Gewerkschafter. Im Juli folgte ein Aufruf von Professoren, Künstlern, Lehrern und Schriftstellern. Ehemalige Mitglieder der »Bekennenden Kirche« schlössen sich den Protesten an. Im Mai 1958 trat Ulrike Meinhof dem SDS bei. Sie veröffentlichte Artikel zur Atomfrage in zahlreichen studentischen Zeitungen, organisierte Veranstaltungen, Unterschriftensammlungen und einen Vorlesungsboykott mit, bereitete Kundgebungen gegen die Atombewaffnung vor.
In elf Universitätsstädten wurden Ende Mai 1958 Kundgebungen gegen die atomare Bewaffnung organisiert. Im tiefschwarzen Münster zogen fünftausend Studenten in einem Schweigemarsch durch die Stadt. Zum Abschluß dieser Demonstration ordentlich gekleideter Studenten in Schlips und Kragen und Studentinnen in Röcken erlebten die Demonstranten eine für damalige Zeiten kleine Sensation. Nach einem Pfarrer, einem Gewerkschafter und einem Professor betrat eine knapp über zwanzig Jahre alte Studentin das Podium und hielt eine Rede. Ulrike Meinhof hatte die politische Arena betreten.
Die Nachricht von der selbstbewußten jungen Friedensaktivistin mit der Sophie-Scholl-Frisur erreichte auch die Redaktion der linken Studentenzeitschrift »konkret« in Hamburg, die sich ebenfalls in der Anti-Atombewegung engagierte.
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