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50 und 60 jahre
Zitate aus dem Buch von Daniel Voigt(Studienarbeit)
4. Was trieb Meinhof als pazifistische Journalistin zum Terrorismus?
Der Weg für Ulrike Meinhof von einer zunächst friedlichen Demonstrantin und pazifistischen Journalistin zur gewaltsamen Terroristin, war lang. Der Beginn ihres politischen Engagements und die stetige Protesthaltung gegen den Staat wurden dabei besonders durch die Ereignisse in ihrer Kindheit und durch die politischen Aktivitäten ihrer Pflegemutter Renate Riemeck beeinflusst.
So wächst sie im kriegerischen und antisemitischen Nazi-Deutschland auf und muss schon früh hören, wie es in diesem Deutschland zugeht und welche Ungerechtigkeiten in diesem Land geschehen. So bekommt sie schon mit zehn Jahren von ihren Eltern, die selbst gegen das Nazi-Regime opponierten, erzählt, was es mit dem KZ Buchenwald auf sich hat.31 Mit diesen Geschehnissen konfrontiert, wird sie sich ab sofort ihr ganzes Leben mit der Angst beschäftigen, dass eine weitere Generation versagen könnte, solch ein Unrechtsregime zu verhindern. Diese Angst vor einem neuen Faschismus hat in ihr die Entscheidung gereift: „Man muß etwas tun!"32. Und das tut sie auch. Ob es um die Notstandsgesetze, um Atomaufrüstung oder um den drohenden Völkermord im Vietnamkrieg geht: Sie protestiert aus Angst vor einem neuen Faschismus und der damit einhergehenden Einschränkung der Grundrechte. Und sie ist überzeugt, dass die Regierung der 60er Jahre faschistische Politik betreibt, besonders Franz-Josef Strauß fürchtet sie: „Wie wir unsere Eltern nach Hitler fragen, so werden wir eines Tages nach Herrn Strauß fragen"33. Gleichermaßen schmerzhaft wie das Versagen der Eltemgeneration gegenüber ihrer Verantwortung, ist für sie der frühe Tod der Eltern im Alter von 15 Jahren. Sie verliert damit als Pubertierende praktisch beide Bezugspersonen, die ihr nahe stehen. Auch hier entwickelt sie im Laufe ihres Lebens große Angst, weitere Menschen und Freunde um sie herum zu verlieren und entwickelt so eine Beharrlichkeit, „Konflikte und Anfeindungen bis an den Rand der Selbstverleugnung-und Zerstörung auszuhalten" . Das erkennt man an ihrem langen Festhalten an der Ehe mit Klaus-Reiner Röhl genauso, wie auch in dem geduldigen, ständigen Aushalten der jähzornigen Beleidigungen durch Andreas Baader später in der RAF-Zeit. Sie besaß eine ungeheure „Fähigkeit zur Treue"35 und „'sie hatte einen
ungeheuer starken Sinn für Kameradschaft.'(Erich Kuby)"36: Das beweist auch die Tatsache, dass sie immer in Gruppen aktiv ist und sich für diese mit all ihrer Hingabe und Selbstaufopferung einsetzt, ob in dem Atomtod-Ausschüssen, den Studentenkongressen oder in der Zeitungsgruppe von konkret. Der dritte Orientierungspunkt, der sie zur Politik führt, ist die Professorin und ehemalige Kommilitonin von Meinhofs Mutter, Renate Riemeck. Nach dem Tod von Ulrikes Mutter wird sie praktisch zum „Ersatzpapa"~ der beiden Geschwister und hat dabei entscheidenden Einfluss auf die spätere Karriere Ulrike Meinhofs. In langen, gemeinschaftlichen Gesprächen zeigt sich hier langsam Meinhofs Leidenschaft für Diskussionen. Dabei geht es oft um Haltungen oder die Frage nach Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit.38 .Schon hier zeichnet sich also ein moralisches Bewusstsein aus, dass Gerechtigkeit in entschiedener Weise fordert. Auch auf die eigene Meinung besteht sie ohne Widerspruch, wie in der Schule eine Diskussion mit einem Lehrer zeigt.39 In dieser Weise hat sie durchaus Ähnlichkeiten mit ihrer Pflegemutter, die selbst eine energische und sendungsbewusste Frau ist. Sie ist es auch, die Ulrike Meinhof praktisch auf den politischen Weg bringt. So kämpft auch schon sie gegen die restaurativen Tendenzen der Bundesrepublik, setzt sich für die Wiedervereinigung zwischen Ost und West ein und formuliert schließlich aus Protest gegen Wiederaufrüstungspläne in einem Artikel einen Appell gegen die atomare Aufrüstung.41 Diesem Kampf schließt sich später dann auch Meinhof an und verstärkt ihr Engagement noch zusätzlich während ihrer Studienzeit in Marburg und Münster durch Mahnwachen und Protestaktionen. Der Widerstand gegen die Atomaufrüstung ist dabei für sie „eine existenzielle Frage" .Schon dort kommt in ihr die Überzeugung auf, Menschen verändern zu können.43 Dabei fällt auch schon wieder hier ihre offene, emotionale Art auf. „'Sie formulierte sehr bieder manchmal, sehr betont, sehr grundsätzlich, sehr
überzeugt. Sie hatte nicht das ,Intellektuellengeschwätz' drauf. Es kam bei ihr aus dem Herzen, das merkte man' (Jürgen Holtkamp)"44 Diese emotionale Verbundenheit mit den politischen Wirklichkeiten, zusätzlich verbunden mit einer Moral, die vor allem das schlechte Gewissen entlasten möchte, zeigt sich dann auch wenig später in ihren Kolumnen für die Zeitschrift konkret.
Die Zeitschrift konkret war eine linksorientierte Zeitung unter Federführung von Klaus-Reiner-Röhl, deren Anliegen es war, kritisch und literarisch gut geschrieben über realistische Gegebenheiten zu schreiben und sich als Gegenentwurf zur Restaurationspolitik Adenauers ansah.43 Finanziert wurde die Zeitschrift durch die später verbotene linke Partei KPD, die Finanzierung stammte also aus der DDR46 und wurde aus diesem Grund von der antikommunistischen Regierangspolitik unter Adenauer diffamiert und als illegal bezeichnet und schließlich verboten.
Durch die Kontakte der KPD zur Zeitschrift und die Mitgliedschaft vieler konkret-Mitarbeiter, wird Meinhof schließlich auch für die KPD rekrutiert. Deutlich wird hier ihre Veränderung sichtbar, wenn sie meint, dass sich einiges an ihrem Denken gemäß Notwendigkeiten verändert habe.47 Auch setzt sie hier schon die Parole aus, dass man „auf breitester Ebene gegen die westdeutsche Politik kämpfen sollte", erwähnt allerdings nicht die Mittel. Durch ihre illegale Mitgliedschaft in der KPD wird dabei auch ihre Angst vor neuen restaurativen Tendenzen und dem Versagen, etwas getan zu haben, befriedigt. Denn ihre antifaschistische Einstellung und ihrem Glauben von gewissen neuerlichen restaurativen Tendenzen, wird auch durch die Zeitschrift konkret48 und der DDR-Programmatik vertreten.. In den Atombomben sieht sie die Fortsetzung der Vergasungsanlagen von Auschwitz4' In den NATO-Beitrittsversuchen die Analogie zur NS-Expansionspolitik.50 Und sie ist überzeugt, „daß in zahlreichen Spitzenpositionen der Adenauer-Administration ,verdiente' Nationalsozialisten das Sagen haben".51 Diese These, Deutschland sei faschistisch, durchzieht also ihre gesamte Karriere, der in der Kolumne „Hitler in euch" gipfelt und auch noch in der
Programmatik der RAF herauszulesen ist. Diese Angst vor einem neuen Übel könnte der erste Grund für ihren Weg in den Terrorismus gewesen sein. Die gewaltsamen Niederschlagungen der Studenten-Demonstrationen durch die Polizei und die Todesfalle von Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke könnten dazu beigetragen haben, dass sie die Einsetzung dieses neuen Systems nur noch mit Gewaltaktionen als verhinderbar ansieht.
In ihren Kolumnen, die sie über 10 Jahre für konkret schreibt, werden aber nicht nur die Vergangenheit und das Versagen der Elterngeneration sowie die Angst vor eigenem Versagen bei neuem Faschismus diskutiert. Stattdessen werden auch die aktuellen restaurativen Tendenzen und die Gefahr vor der Verabschiedung von geplanten Notstandsgesetzen zum Thema gemacht. Dabei warnt sie in ihrer Kolumne „Notstand, Notstand" vor einer Kopie des Ermächtigungsgesetzes der Weimarer Republik und einer umfassenden Aussetzung von grundlegenden Grundrechten in einer Notsituation."" Damit könnte praktisch jede kritische Berichterstattung ausgeschaltet werden. Für Meinhofist klar: ..Das Ja zum Grundgesetz, das Ja für den Bestand und die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik ist das Nein zur Notstandsgesetzgebung der Bundesregierung''"3. Für Meinhof bedeutet die Annahme oder Ablehnung dieses Gesetzesentwurfs also gleichermaßen die grundlegende Zustimmung für die erhoffte Demokratie oder gegen diese Institution. So gruppiert sich die außerparlamentarische Opposition zu einer „Neuen Linken"54 die zusammen mit den Gewerkschaften Protest zeigen will. So nehmen im Mai 1963 unter dem Motto „Treibt Bonn den Notstand aus!" etwa 50.000 Teilnehmer an einem Sternmarsch auf Bonn teil.55 Zwar können sie dadurch eine von Adenauer noch schärfere Notstandsgesetzgebung verhindern, aber trotzdem wird schlussendlich das Gesetz am 30.Mai 1968 verabschiedet. Es ist auch bedingt durch gelockerte Gesetzesentwürfe, die die SPD und die Gewerkschaften zu einem Rückzieher in der Protestbewegung bewegen.56 Ulrike Meinhof hat in dieser Sache weiterhin auf friedliche Verhandlungen gesetzt und glaubt, dass die eingeschränkte Pressefreiheit durch Springer und die „Prügelaktionen der Polizei" jeden verantwortungsbewussten Bürger aufrütteln müssen.
Als der Gesetzesentwurf kommt, ist sie dann zwar vom Rückzieher der SPD enttäuscht, glaubt jedoch dennoch noch weiterhin an eine „Rededemokratisierung der Gesellschaft".57 Dennoch könnte sich dadurch in ihr auch eine Verachtung gegenüber der eigenen zurückziehenden Partei ergeben haben, die in ihr durch ihre weiterhin bestehende Angst vor einem neuen Faschismus, langsam auch Verzweiflung aufkommen gelassen hat.
Ein weiteres wichtiges Thema in ihren Kolumnen stellt der Vietnamkrieg, seine Berechtigung und die Verschleierung von Tatsachen durch eine manipulierende Medienpolitik, vor allem durch die Springer-Presse, dar. So glaubt sie, dass der Bevölkerung im Vietnamkrieg durch die Regierung Tatsachen vorenthalten werden, sodass „die Bevölkerung nichts durchschaut, aber mitmacht".58Dabei wirft sie den Medien vor, die Stimmung in der Bevölkerung zu manipulieren und gezielt Kritik gegen den Krieg vorzuenthalten Als Beispiel führt sie dabei die Kürzung eines Protestaufrufs durch „Die Welt" an, ein Organ der Springerpresse .59""Die Bewegung gegen die Notstandsgesetzgebung, der Krieg in Vietnam und das Vorgehen der Westberliner Polizei sind schließlich Auslöser einer außerparlamentarischen Opposition und Bewegung von Studierenden"60
Die Kolumnen Meinhofs sind geprägt durch eine intensive Meinungsmache. Ihr Denken verläuft in Freund-Feind-Linien, sodass sie eine „klare Abgrenzung zwischen dem ,Ihr' und dem ,Wir'"61 braucht. Dabei verschärft sich ihre Argumentation im Laufe der Jahre und mit dem Beginn der Studentenproteste. „Während in den Artikeln der 1959/1960 in der Argumentation streng nach logischen Gesetzmäßigkeiten vorgegangen wird, ist dieses Verfahren in den Artikeln von 1968 und 1969 selten zu finden"62 Das impliziert auch ihre Sturheit, an ihrer Überzeugung mit allen Mitteln festzuhalten, egal ob sie dann noch richtig oder falsch liegt. Von ihren Überzeugungen Abstand zu
nehmen, schließt sie kategorisch aus.63. „Einmal davon überzeugt, daß etwas Unrechtes geschieht, sucht sie [dabei] nach Wegen, etwas dagegen zu tun"64 In ihren Kolumnen erkennt man eine „Polarisierung der Haltung in diametral entgegengesetzte Positionen"65. Dabei fällt besonders diese „Entweder-Oder-Differenzierung zweier sich ausschließender Alternativen"66 auf, die sie auch in ihrer Schreibweise über ihr ganzes Leben verfolgt und damit eine Radikalität beinhalten, die sich bei Meinhof schließlich in Gewalt entlädt.
Die Bewegung gegen die Notstandsgesetzgebung, der Krieg in Vietnam und das Vorgehen der Westberliner Polizei, sind schließlich Auslöser einer außerparlamentarischen Opposition und Bewegung von Studierenden"67 Zu dieser Zeit ist Ulrike Meinhof durch ihre gesellschaftskritischen Kolumnen und ab 1964 mit ihren sozialkritischen Radio-Features zu einer Starjournalistin aufgestiegen. Tagsüber besucht sie Heimkinder in verwahrlosten Heimen68, nachts feiert sie mit der Hamburger High Society wilde Partys69. Dieser Widerspruch zehrt aber vermehrt an ihren Kräften. Die Entrüstung und Empörung über die Verhältnisse ist einfach zu groß. So trennt sie sich schließlich von ihrem damaligen Ehemann Klaus-Reiner Röhl, auch weil er nach Beendigung der KPD-Finanzierung, aus „konkret" eine Art Boulevardzeitung machen möchte, und zieht mit ihren beiden Töchtern nach Berlin. Hier wird auch wenig später endgültig ihre Wandlung von einer Journalistin zu einer Terroristin vollzogen. Einerseits sucht sie nach der Trennung von Röhl in Berlin einen neuen Freundeskreis und persönlichen Bezugspunkt, welches ihr, anhand ihrer Charaktereigenschaften „kontaktfreudig und aufgeschlossen"70, eigentlich nie schwer fiel. Doch ihr Versuch, Anschluss bei dem Berliner SDS um Rudi Dutschke zu bekommen, um weiter politisch aktiv zu sein, misslingt. Bernd Rahehl erklärt das so: „Wir kannten sie, hatten ihre Artikel zum Teil gelesen und hatten eine hohe Meinung von ihr. Aber nun tauchte sie
als jemand auf, der mitmachen will. Und in dieser Clique, in der jeder seine Rolle hatte, wurde sie nicht akzeptiert."71 So isoliert sie sich immer mehr. In dieser Zeit wandeln sich auch ihre Vorstellungen von Gewalt und Frieden, Legalität und Illegalität Zwar lebt sie aufgrund ihrer langzeitigen KPD-Mitgliedschaft schon länger heimlich in der Illegalität, aber die Ereignisse der Jahre 1967/68 verändern ihre Vorstellungen davon grundlegend. Jahrelang sucht sie Protest als Diskussion diplomatisch und theoretisch mit Worten auszudrücken, nun stellt sich die Frage, ob gewisse praktische Regelverletzungen nicht auch legal seien.
Als im April 1967 US-Vizepräsident Hubert Humphrey Deutschland besucht, haben Studenten vor, ihn wegen dem völkerrechtlich fragwürdigen Vietnam-Krieg aus Protest mit Pudding zu bewerfen. Die Polizei greift ein, spricht von einem Bombenanschlag und mobilisiert so die Bevölkerung gegen die protestierenden Studenten. Es ist das erste Mal, dass Studenten eine Art von Protest zeigen, wo sie nicht nur bewusst Regeln brechen, sondern aktiv versuchen, die Polizei und die Presse zu provozieren. Wahrscheinlich ist das die Folge des geringen Interesses der Springer-Presse, über ihren Protest zu berichten. Fast nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel. Nur noch nicht in der Weise, wie es später die RAF gedenkt. Ulrike Meinhof ist von dieser Strategie begeistert und beschreitet damit den ersten Schritt auf ihrem Weg zur Radikalität. So sieht Meinhof die Aktion „als geradezu brillantes Mittel, Polizei, Presse und Politiker zu provozieren, sie zu jenen Kurzschlußreaktionen zu provozieren, in der sich ihre ganze moralische und politische Unsicherheit bezüglich des Vietnamkriegs dokumentiert" " Außerdem glaubt sie, mit solchen Aktionen endlich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Studenten gelenkt zu haben und besonders, da die Polizei wegen den überraschenden Aktionen mit Gewalt gegen die Studenten vorgeht, „einen Vorgeschmack dessen [zu geben], was durch Notstandsgesetze legalisiert werden soll"0 und dass es den Studenten gelungen ist, „der bundesdeutschen Demokratie ein wenig auf den Zahn zu fühlen", da „der faul ist".74 Damit legitimiert sie zwar noch keine Gewalt, aber schon die Vorstufe desselben, nämlich Regelverletzungen, dessen ein
„Geruch von Illegalität"75 „anhaftet. Nach der KPD-Mitgliedschaft stößt Meinhof hier also ein zweites Mal auf das Feld der Illegalität, Begeistert ist sie vom Mut und dem „Willen der Effizienz", diese Form der politischen Agitation auszuüben. Selber bringt sie den Mut noch nicht auf, aus Angst vor einer Kopfverletzung..76Allerdings wird sie diese Form der Agitation stark prägen und in ihrem Leben begleiten, denn das Wichtige für sie an dieser Agitation ist nicht nur, wie die Studenten glauben, durch die Aktionen und der darauffolgenden Polizeigewalt Solidarisierungen zu schaffen, sondern vor allem, „' daß man den latenten Faschismus der Gesellschaft provozieren, ans Licht bringen, zur Entlarvung seiner selbst zwingen müsse'"77, welches dann zu Solidarisierungen führen würde. Sie möchte die deutsche Öffentlichkeit aufklären. Ein Gedanke, den Meinhof in ihrer antifaschistischen Position verschärft und der Wille zur Durchsetzung dieses Gedankens immer mehr Konturen annimmt, umso weiter sie davon überzeugt ist. dass der große Teil der Bevölkerung sich nicht von alleine verändern kann. Vielleicht ist diese Überzeugung auch ein weiterer Grund für ihren Weg in den gewalttätigen Terrorismus, der sich durch die gewalttätigen Polizeiaktionen und Todesschüsse in den nächsten Wochen noch verstärken wird.
Nachdem bei gewalttätigen Auseinandersetzungen im Zuge von Demonstrationen gegen den Besuch vom Schah von Persien 1967 der Student Benno Ohnesorg ermordet wird, verschärft sich die Situation der Studenten gegenüber dem Staat noch zusätzlich. Die Studenten werden zu Tätern erklärt und die Springer-Presse rechtfertigt die Polizeigewalt damit, dass, „wer Anstand und Sitte provoziert, [...] sich damit abfinden [muss], von den Anständigen zur Ordnung gerufen zu werden"78. Diese Bemerkung, die wahre Tatsachen unterschlägt, ruft Ulrike Meinhof mit ihrer berühmt gewordenen Kolumne „Enteignet Springer!" auf den Plan. Dort fordert sie die Aufhebung der Monopolstellung Springers und „die Meinungs- und Pressefreiheit statt zur Manipulation, zur Aufhebung der Manipulation zu benutzen"79. Gleichzeitig versucht sie sich immer mehr Gedanken zu machen, wie oppositionelle Aktionen wirksam werden können und wie weit man gehen kann. Sie möchte nun trotz ihrer persönlichen
Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen,, aktiv am Protest und an Aktionen teilnehmen und nicht mehr mit „zusammengebissenen Zähnen und einem schlechten Gewissen"80 herumlaufen. Sie möchte nicht mehr nur theoretisch ihren Protest ausdrücken.
So formuliert sie Anfang Februar 1968 in ihrer berühmten Kolumne „Vom Protest zum Widerstand":"Protest ist, wenn ich sage, daß und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das,, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß alle ändern auch nicht mehr mitmachen"81 Auch die Studentenschaft diskutiert das Problem der Illegalität von rechtswidrigen Aktionen und die Frage nach Widerstand. Wegen den Gewaltaktionen sehen sie sich allerdings dabei nicht selber als Rechtsbrecher, sondern den Staat. Die Studenten sehen sich als genauso illegal an wie den Staat selbst.82 Man plant Sabotageakte durchzuführen, um die neu formulierte Praktik umzusetzen. So will man u.a. einen Aufstand von GIs in einer Kaserne organisieren und sich durch Demonstrationen mit ihnen verbrüdern. Die Körper sollen dabei als Waffen dienen.83 Das klingt schon alles sehr militant. Dementsprechend wird diese Idee schließlich auch wieder verworfen. Eine kleine Gruppe allerdings ist sehr unzufrieden über die abgelehnte Idee, dazu gehört auch Ulrike Meinhof und viele späteren RAF-Mitglieder.84Dies ist ein weiterer Beweis für ihre stetige Radikalisierung und ein weiterer Schritt auf ihrem Weg zum Terrorismus. Die Empörung und Verzweiflung über die Ignoranz der Regierung und der Presse gegenüber der oppositionellen Haltung, die ungerechten Gerichtsentscheidungen gegen demonstrierende Studenten, entlädt sich bei Meinhof also in eine Entschlossenheit, dem Staat zu zeigen, dass auch die Bevölkerung eine Meinung hat und die Welt verändern kann. Sie glaubt daran. ..dass die Linke eine Eskalation der Mittel politisch durchstehen könnte"8". Erste revolutionäre Gedanken werden hier also in ihrem Denken deutlich. Jedoch problematisiert sie immer noch die Gewaltfrage
Auch als ihr Freund und Studentenführer Rudi Dutschke im April 1968 einem Attentat zum Opfer fällt und die Studenten der Springer-Presse, durch ihre wochenlange Hetze gegen den Studentenführer, die Schuld an seinem Tod geben, das zur Folge hat, dass es vor dem Springer-Hochhaus zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt, ist sich Meinhof noch nicht darüber im Klaren, ob und wie Gewalt zu rechtfertigen ist oder ob sie selbst Gewalt aus Empörung anwenden soll."Der Wille, etwas zu tun, wird von der Unfähigkeit blockiert, es auch ausführen zu können"86. Einerseits rechtfertigt sie Gewalt, wenn es einem bestimmten Zweck dient, andererseits verabscheut sie aber immer noch die strikte, sinnlose Gewalt.. Sie glaubt, dass Gegengewalt Gefahr läuft, „zu Gewalt zu werden, wo die Brutalität der Polizei das Gesetz des Handelns bestimmt, wo ohnmächtige Wut überlegene Rationalität ablöst, wo der paramilitärische Einsatz der Polizei mit paramilitärischen Mitteln beantwortet wird"87. Außerdem unterscheidet sie bis zu diesem Zeitpunkt auch noch zwischen Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen. „Menschenleben hätten eine andere Qualität als Fensterscheiben, Springer-LKWs und Demonstranten-Autos"88.Diese Unsicherheit, wie Gewalt legitimiert werden kann und die Unterscheidung zwischen verschiedenen Gewaltformen verschwindet mit der Gründung der RAF.
Der Sinneswandel von Ulrike Meinhof zur Terroristin beginnt, als sie die Warenhausbrandstifter von Frankfurt, Gudrun Ensslin und Andreas Baader, während dem Prozess zu der versuchten Brandstiftung, für Recherchen für ein Artikel kennenlernt. Zwar kritisiert Meinhof die Begründung der beiden Personen, dass sie gegen die Konsumwelt agieren wollten. Dafür müsste aber die Tatsache, dass die Brandstifter auch gegen die Gleichgültigkeit im Vietnamkrieg protestieren wollten und damit die Öffentlichkeit zwingen wollten, sich damit auseinanderzusetzen, Zustimmung bei Meinhof ausgelöst haben. Jedoch sieht sie im Gesetzesbruch weiterhin nur dann etwas Progressives, wenn es „in Aufklärung umgesetzt werden kann"89. Ein zweites Mal trifft sie Baader und Ensslin aufgrund ihrer Randgruppenprojekte, indem Baader und Ensslin während ihrem Revisionsantrag auch arbeiten und dabei versuchen
lugendliche für eine gesellschaftliche Umwälzung auszubilden90 Doch wenig später werden sie wieder per Haftbefehl gesucht. Beide tauchen bei Meinhof unter. Kurze Zeit später wird Baader trotzdem festgenommen.
Ensslin möchte ihn daraufhin befreien und Ulrike Meinhof erklärt sich bereit, ihr zu helfen, da sie in ihrem Unterschlupf zu einer Freundin geworden ist. Bei ihrer Entscheidung für eine Beteiligung an der Befreiung scheint vor allem Baader vor seiner Festnahme entscheidenden Einfluss gehabt zu haben. Denn er verlangt von ihr: „endlich konsequent zu sein: sie müsse sich entscheiden, sie könne nicht eine revolutionäre Politik betreiben und gleichzeitig beruflich Karriere machen wollen."91 Sie wird damit praktisch unter Druck gesetzt und entscheidet und verpflichtet sich, auch durch ihrem ausgeprägten Solidaritätsinn und der Sehnsucht nach Gruppenzugehörigkeit, für die Hilfe bei der Aktion. Vielleicht war diese Schwäche ihr Verhängnis, der sie in den Terrorismus führte. Schon bei Röhl hatte sie endlos versucht, die Ehe aufrechtzuerhalten und sich allen Demütigungen hilflos ausgeliefert9" Und auch Baader wollte sie Treue zeigen, auch wenn sie damit wissentlich ihre Journalistenkarriere verlieren und ins kriminelle Milieu abgleiten würde. Vielleicht hat dabei ihr Weg auch mit dem frühen Tod der Eltern zu tun und ihre Angst, neuen Verlust von ihr bekannten Menschen hinnehmen zu müssen. Und besonders auch mit ihr schon oben ausführlich beschriebenen Angst vor neuem Faschismus, der ihr nicht die Geduld gab, langsam gegen die restaurativen Tendenzen zu kämpfen, um die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern. Auch hofft sie durch ihre Beteiligung, „die eigenen psychischen Grenzen, an die sie immer wieder geraten ist, überwinden zu können"93. So wird sie in die Planungen miteinbezogen. Und hat am 14.Mai 1970 Teil an der gewaltsamen Befreiung. Nach den Planungen hätte sie trotz der Beteiligung als Unbeteiligte wirken sollen, doch dieser Plan scheitert, sodass sie gezwungen ist, in den Untergrund zu gehen.94 Der Zufall hatte also auch Teil an ihrem Weg in den terroristischen Untergrund.